
Bild entstanden mit Hilfe von ChatGPT, nach Vorlage einer selbst gestalteten Postkarte.
Was steckt im Namen?
„Wirklabor Wirschaffen" ist ein Doppel-Kunstwort. Jedes Wort trägt seinen Teil:
Wirklabor — Wirkung trifft Labor. Von der Wirkung her denken: welche Wirkung soll in Zukunft erreicht sein — und woran erkenne ich sie? Kein Kurs, kein Programm. Ein Forschungsraum: beobachten, Messparameter entwickeln, ausprobieren — und in Abständen wirklich nachschauen, was sich verändert hat.
Wirschaffen — wir schaffen + wir wirtschaften. Vor jeder wirklichen Veränderung des gemeinsamen Wirtschaftens steht das Wirschaffen selbst: im Kleinen als vertrauensvolle Gemeinschaft, im Großen als ein sich aufeinander beziehender Schwarm. Dieselbe Sache — nur in unterschiedlicher Größenordnung.
Die Reihenfolge ist entscheidend.
Kooperatives Wirtschaften wächst nicht aus besseren Strukturen. Es wächst aus Vertrauen. Und Vertrauen entsteht in Gemeinschaft — nicht als Ergebnis, sondern als Voraussetzung.
Vertrauen lässt sich aber nicht einfach beschließen. Es entsteht dort, wo Menschen sich aus freier Wahl aufeinander beziehen können — und genau diese freie Wahl steht heute unter einem Druck, der so alltäglich geworden ist, dass er kaum noch auffällt: der Abhängigkeit von Geld. Deshalb setzt Wirklabor Wirschaffen nicht bei neuen Organisationsformen an, sondern zuerst bei diesem blinden Fleck.
Warum Geldbewusstsein?
Wirtschaften und Geld sind nicht dasselbe. Wirtschaften ist die uralte menschliche Praxis, Bedürfnisse und Beiträge miteinander zu koordinieren — Geld ist nur eines von vielen Werkzeugen dafür, historisch gewachsen und heute so dominant, dass wir beides kaum noch auseinanderhalten können. Diese Verwechslung hat Folgen, die weit über Geld hinausreichen.
Ich bin überzeugt: Ein großer Teil dessen, was in der Moderne zerstörerisch wirkt — ökologisch, sozial, zwischenmenschlich —, lässt sich letztlich auf unseren Umgang mit Geld zurückführen, genauer: auf die Abhängigkeit, in die uns dieser Umgang bringt. Nicht Geld selbst ist das Problem, sondern wie selbstverständlich wir es hinnehmen, ohne es je infrage zu stellen. Zu dieser Überzeugung bin ich nicht am Schreibtisch gekommen, sondern in Jahren als Unternehmer in der Umzugsbranche, wo ich erlebt habe, wie Menschen in Systemen mitmachen, die sie selbst für falsch halten, weil die finanzielle Abhängigkeit größer ist als das eigene Urteil — mehr dazu unter Über mich. Deshalb geht es hier nicht um eine neue Währung. Es geht um etwas Grundlegenderes: um die Frage, ob wir uns diese Abhängigkeit überhaupt bewusst machen — und ob wir uns vorstellen können, dass es anders geht.
Dass es anders geht, zeigen Beispiele aus aller Welt: Die Schweizer WIR-Bank verrechnet seit 1934 ununterbrochen Leistungen zwischen heute ĂĽber 60.000 Unternehmen. In Argentinien organisierten nach dem Peso-Kollaps 2001 zeitweise zehn Millionen Menschen ihren Alltag ĂĽber Tauschnetzwerke. Schottland hat 2026 ein Gesetz verabschiedet, das Kommunen verpflichtet, lokal erwirtschafteten Wohlstand in der Region zu halten.
Und in Deutschland? Die hiesige Tauschring-Landschaft — seit den 1990er Jahren entstanden — stagniert seit über zwanzig Jahren. Dabei fehlt es nicht an Substanz: Allein in Bremen wurden 2026 384 alternativwirtschaftliche Organisationen gezählt, in Berlin über 2.900 Soziale Unternehmen. Was fehlt, ist nicht die Praxis. Es ist die Sprache dafür — das Bewusstsein, all das als das zu erkennen, was es ist: eine gleichwertige Alternative zur gewohnten Geldlogik, nicht Nischenkuriosität am Rand der eigentlichen Wirtschaft.
Ein Blick zurück zeigt, dass es auch anders hätte kommen können: 1929 entstand in Deutschland die Wära-Tauschgesellschaft — eine frühe Alternativwährung, rasch verboten. Nur wenig später begann in der Schweiz die WIR-Genossenschaft — eine strukturell verwandte Idee, die bis heute existiert. Zwei verwandte Ansätze, im selben Jahrzehnt entstanden, mit entgegengesetztem Ausgang. Dieses Muster hat sich seitdem oft wiederholt.
Aus eigener, über zwanzigjähriger Erfahrung in der deutschen Tauschring-Bewegung kenne ich einen weiteren Grund: Jeder Versuch, eine gemeinsame, verbindliche Struktur aufzubauen, wurde blockiert — aus Angst vor Hierarchie, im Namen der Autonomie jeder einzelnen Initiative. Das Ergebnis war keine Freiheit von Macht, sondern nur ihre Unsichtbarkeit: keine gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit, keine Lobby, kein systematischer Austausch — und am Ende Stagnation, während in Nachbarländern lebendigere, besser vernetzte Szenen entstanden.
Hinzu kommt eine tiefere Ebene: Eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigte, dass die meisten Deutschen mit dem bestehenden Wirtschaftssystem unzufrieden waren — sich aber gleichzeitig kein besseres System vorstellen konnten. Genau das ist der Kern dessen, was ich mit Geldbewusstsein meine: Es fehlt nicht der Wille zur Veränderung, sondern die Begriffe, mit denen sich Veränderung überhaupt denken lässt. Wer keine Worte für eine Sache hat, kann sie nicht wahrnehmen — und wer sie nicht wahrnimmt, hat keine Wahl.
Die gute Nachricht: Dieses Bewusstsein wächst an mehreren Stellen gleichzeitig und unabhängig voneinander — nicht, weil irgendwann ein Gesetz oder ein Verband die eine Lösung liefert. Beim Einzelnen, der einen Namen für das eigene alltägliche Beitragen findet — Nachbarschaftshilfe, Zuhören, geteilte Zeit — und dadurch beginnt, es als das zu sehen, was es ist: Wirtschaften, das nur zufällig ohne Geld auskommt. In Gruppen, die lernen, dass Struktur nicht dasselbe ist wie Hierarchie — dass klare, offene Regeln Autonomie eher schützen als bedrohen. In Städten und Regionen, die sichtbar machen, was längst da ist, statt es unter dem Radar verschwinden zu lassen. Und in Gesetzen und Netzwerken, die von unten und von oben gleichzeitig wirken, ohne sich gegenseitig zu ersetzen.
Keine dieser Ebenen wartet auf die andere. Genau darin liegt die eigentliche Erkenntnis: Es braucht keine einzige richtige Lösung, auf die alle warten müssten. Vielfalt paralleler Anfänge ist keine Schwäche, die es zu beheben gilt — sie ist die Struktur, die trägt. Wirklabor Wirschaffen versteht sich als einer dieser Anfänge.
Wirklabor Wirschaffen ist ein Einzelprojekt — mit Verbindungen zu einem wachsenden Feld von Menschen und Initiativen, die ähnliche Fragen stellen. Wer wissen will, wie ich zu dieser Arbeit gekommen bin, findet das unter Über mich.
Andreas Artmann — Wirklabor Wirschaffen